Fortlaufende deutsche Übersetzung der lateinischen Fassung– Teil II
(Kapitel IV bis VI)
Kapitel IV – Vom Evangelium und der wahren Lehre
Das Evangelium ist die gute Botschaft von Gnade und Vergebung der SĂĽnden durch Christus,
nicht eine neue Gesetzeslehre und nicht eine Einrichtung menschlicher Ăśberlieferungen.
Das Evangelium wird verkĂĽndet, damit SĂĽnder an Christus glauben und aus Gnade durch den Glauben gerechtfertigt werden, nicht durch Werke des Gesetzes.
Dies ist die Summe des Evangeliums: dass Gott um Christi willen den Glaubenden die SĂĽnden aus Gnade vergibt und ihnen den Heiligen Geist schenkt.
Das Gesetz zeigt die SĂĽnde und den Zorn Gottes, das Evangelium aber zeigt die Gnade und Vergebung.
Christus ist der einzige Mittler und Versöhner; nicht die Werke noch die Verdienste der Menschen können Gott versöhnen.
Der Glaube ist das Werkzeug, durch das wir Christus ergreifen und seine Wohltaten empfangen; er ist kein Werk, sondern eine Gabe des Heiligen Geistes.
Sie irren, die lehren, der Mensch könne durch Werke Gnade verdienen oder für seine Sünden selbst Genugtuung leisten.
Das Evangelium ist kein Gesetz; wer beides vermischt, verdirbt die Lehre Christi.
Das Evangelium erneuert die Herzen und bewirkt den Gehorsam des Geistes, nicht die knechtische Furcht des Gesetzes.
Aus dem Evangelium entspringen wahre Liebe, Friede und Geduld; wo diese nicht gedeihen, herrscht das Evangelium nicht.
Das Evangelium hat seine Autorität von Gott selbst, nicht von Menschen oder Konzilien; daher kann es niemand verändern.
Diejenigen, die ein anderes Evangelium verkĂĽndigen, sind verflucht, wie Paulus an die Galater bezeugt.
Das Evangelium ist das Licht der Welt; wo es erlischt, herrscht die Finsternis des Antichrists.
Diese Lehre bekennen und verteidigen wir gegen das Interim und alle Verderber des Wortes Gottes.
Kapitel V – Vom Wort Gottes und den menschlichen Überlieferungen
Das Wort Gottes ist die einzige Richtschnur aller Wahrheit und das Gericht ĂĽber alle Lehren; nichts darf in der Kirche angenommen werden, was nicht mit dem Wort Gottes ĂĽbereinstimmt.
Die Heilige Schrift ist vollkommen und genügend zur Unterweisung in Frömmigkeit; es bedarf keiner anderen Zusätze oder menschlichen Erfindungen.
Dem Menschen ist es nicht erlaubt, am Wort Gottes etwas zu ändern oder hinzuzufügen; verflucht sei, wer dies tut.
Menschliche Ăśberlieferungen, die nicht auf der Schrift gegrĂĽndet sind, sind Erfindungen des Fleisches und eine Knechtschaft des Gewissens.
Kirchliche Ordnungen und Zeremonien, die der Ordnung und Anständigkeit dienen und das Evangelium nicht verdunkeln, können beibehalten werden.
Wenn aber solche Überlieferungen als heilsnotwendig aufgestellt oder entgegen dem Wort Gottes eingesetzt werden, so sind sie Götzendienst und Gottlosigkeit.
Der Herr selbst verwarf die Überlieferungen der Pharisäer, die die Gebote Gottes brachen; so verwerfen auch wir alles, was dem Evangelium widerspricht.
Das Wort Gottes steht ĂĽber der Kirche, nicht die Kirche ĂĽber dem Wort; die Kirche soll aus dem Wort geboren und durch es regiert werden.
Das Papsttum hat zahllose Ăśberlieferungen zum Wort Gottes hinzugefĂĽgt, durch die es das Evangelium verdunkelt und das Volk in Knechtschaft gefĂĽhrt hat.
Dem Christen genügt das Wort Gottes und die Gnade Christi; wer dies verlässt und sich auf Überlieferungen stützt, fällt vom Glauben ab.
Dies ist unsere Lehre vom Wort Gottes, die wir allen Ăśberlieferungen voranstellen und gegen alle Aberglauben verteidigen.
Kapitel VI – Von der wahren und der falschen Einheit der Kirche
Die Einheit der Kirche besteht nicht in Zeremonien oder äußeren Ordnungen,
sondern in dem einen Glauben und in dem einen Haupt, Christus dem Herrn.
Wahre Einheit ist die Gemeinschaft der Heiligen, die durch den Heiligen Geist verbunden wird – durch Glauben und das Wort Gottes.
Falsche Einheit ist die Ăśbereinstimmung der Gottlosen gegen Gott und die Wahrheit, wie einst in Babel und im Synedrium der Juden.
Einheit ohne das Wort Gottes ist ein Bund wider Gott; solche Übereinkünfte verdienen zwar den Namen „Frieden“, sind aber in Wahrheit Krieg gegen Christus.
Diejenigen, die um des Kirchenfriedens willen die Wahrheit verlassen, bewahren den Frieden nicht, sondern verderben ihn.
Christus ruft durch sein Wort zur Einheit; wer das Wort verwirft, schlieĂźt sich selbst von der Einheit aus.
Mit dem Antichrist oder seiner Lehre darf keine Einheit bewahrt werden, denn es gibt keine Gemeinschaft des Lichts mit der Finsternis.
Die, welche die Wahrheit lieben, mĂĽssen sich von der Gemeinschaft des Irrtums und von gottlosen Lehren trennen.
Die Einheit der Kirche geht nicht verloren, wenn man in äußeren Zeremonien verschieden ist, solange der eine Glaube und das Wort bestehen.
Die wahre Einheit ist eine Gabe des Heiligen Geistes; die falsche Einheit ist ein Trug und eine List Satans, durch die die Wahrheit unterdrĂĽckt wird.
Fortlaufende deutsche Übersetzung – Teil III
(Kapitel VII bis IX)
Kapitel VII – Von der geistlichen Vollmacht und den kirchlichen Ämtern
Die geistliche Vollmacht ist keine körperliche Gewalt und kein Schwert,
sondern der Dienst des Wortes und der Sakramente,
durch den Gott in den Herzen der Menschen wirkt.
Christus selbst hat den Dienst des Wortes eingesetzt,
als er sprach: „Gehet hin und lehret alle Völker, taufet sie.“
Die Aufgabe des geistlichen Dienstes ist es,
zu lehren, zu ermahnen, zu trösten, zu überführen
und im Namen Christi die SĂĽnden zu vergeben.
Das Amt des Wortes ist nicht zum Herrschen, sondern zum Dienen bestimmt;
es ziemt den Dienern nicht, Tyrannei ĂĽber die Gewissen auszuĂĽben.
Die SchlĂĽsselgewalt ist die Vollmacht, das Evangelium zu predigen
und den Glaubenden die SĂĽnden zu vergeben;
diese Macht wird durch das Wort ausgeĂĽbt, nicht durch das Schwert.
Die Diener sind keine Mittler zwischen Gott und den Menschen,
um Gnade zu verdienen,
sondern Werkzeuge, durch die Gott lehrt und tröstet.
Das Amt bleibt bestehen, auch wenn die Diener sĂĽndigen;
durch ihre UnwĂĽrdigkeit wird das Wort Gottes nicht aufgehoben.
Kein Rang unter den Dienern ist von Gott eingesetzt,
sondern alle sind einander gleich in der Vollmacht des Wortes und der Sakramente.
Die Bischöfe sind keine Herren über die Diener,
sondern BrĂĽder und Mitarbeiter im Evangelium.
Das Papsttum hat sich eine Macht ĂĽber das Wort Gottes angemaĂźt,
obwohl es nichts besitzt auĂźer dem, was mit dem Wort ĂĽbereinstimmt.
Dies ist die geistliche Vollmacht, die wir anerkennen und lehren,
und keine andere nehmen wir an.
Kapitel VIII – Von der politischen und bürgerlichen Obrigkeit
Die bĂĽrgerliche Obrigkeit ist eine Ordnung Gottes,
eingesetzt zur Wahrung des öffentlichen Friedens und der Zucht,
damit die Bösen bestraft
und die Guten in Sicherheit leben.
Die Obrigkeiten sind Diener Gottes in äußeren Dingen,
so wie die Diener der Kirche es in geistlichen Dingen sind.
Das Amt der Obrigkeit widerspricht dem Evangelium nicht,
sondern ist notwendig zur Bewahrung des Menschengeschlechts.
Die Untertanen sollen der Obrigkeit in rechtmäßigen Befehlen gehorchen,
weil Gott durch sie die Ordnung der Welt erhält.
Wenn die Obrigkeiten etwas gegen Gott gebieten,
darf man ihnen nicht gehorchen,
denn Gott ist größer als die Menschen.
Die Pflicht der Obrigkeit ist es, die Guten zu schĂĽtzen,
die Bösen zu zügeln,
Gerechtigkeit und Frieden zu bewahren
und Waisen und Witwen zu verteidigen.
Wenn Obrigkeiten ihre Macht zum Unrecht missbrauchen,
sind sie nicht länger Diener Gottes,
sondern Verletzer der göttlichen Ordnung.
Die bĂĽrgerliche Gewalt soll sich nicht in die Lehre oder das Amt der Kirche einmischen;
ihr Auftrag ist das Recht und die bĂĽrgerliche Gerechtigkeit.
Wie die Kirche das weltliche Schwert nicht an sich zieht,
so darf die Obrigkeit sich nicht die SchlĂĽssel des Himmelreichs anmaĂźen.
Die Obrigkeit hat keine Gewalt ĂĽber die Gewissen,
denn diese sind allein Gott unterworfen.
Wenn Gott Tyrannen zulässt,
so geschieht es zur Strafe für sündige Völker,
damit sie die Notwendigkeit wahrer Zucht erkennen.
Man soll fĂĽr die Obrigkeiten beten,
dass Gott ihnen Weisheit und ein frommes Herz gebe,
damit sie das Volk in der Furcht des Herrn regieren.
Dies ist unsere Lehre von der bĂĽrgerlichen Obrigkeit,
die wir als mit dem Wort Gottes ĂĽbereinstimmend festhalten
und gegen jeden Missbrauch verteidigen.
Kapitel IX – Von den Mitteldingen (Adiaphora)
Mitteldinge werden jene Dinge genannt,
die weder an sich Gerechtigkeit noch SĂĽnde sind,
sondern zum äußeren Gebrauch des Lebens gehören.
Solche Dinge sind die Wahl der Speisen, die Kleidung, Feiertage oder äußere Gebräuche,
die an sich nicht gegen das Gebot Gottes sind.
Diese dürfen rechtmäßig beibehalten werden,
sofern die Freiheit des Evangeliums gewahrt
und die Gewissen nicht beschwert werden.
Wenn aber Mitteldinge als heilsnotwendig gefordert werden,
oder wenn in ihnen eine Verleugnung des Evangeliums enthalten ist,
dann hören sie auf, gleichgültig zu sein,
und werden zu einer Verleugnung Christi.
Paulus beschnitt Timotheus um der Freiheit willen,
aber er weigerte sich, Titus zu beschneiden,
als die Freiheit des Evangeliums angefochten wurde.
Ein und derselbe Ritus, der in Freiheit beibehalten wird,
kann zur SĂĽnde werden,
wenn er aus Furcht oder Aberglauben beibehalten wird.
Christus hat uns befreit vom Joch menschlicher Ăśberlieferungen;
es ist nicht erlaubt, unter dem Vorwand der Frömmigkeit
wieder in Knechtschaft zurĂĽckzukehren.
Diejenigen, die unter dem Vorwand des Friedens oder des Gehorsams
das Evangelium verschweigen
und papistische Riten wieder annehmen,
verleugnen Christus
und bekennen den Antichrist.
Es ist Christen nicht erlaubt, an Zeremonien teilzunehmen,
die falsche Lehre bestätigen oder den Götzendienst fördern.
Im Fall des Bekenntnisses,
wenn der Glaube in Gefahr ist,
hören alle Mitteldinge auf, gleichgültig zu sein,
und werden zum Gegenstand des Bekenntnisses.
Die Märtyrer haben den Glauben nicht um kleiner Zeremonien willen verleugnet,
sondern sie haben standhaft selbst das Geringste abgelehnt,
das eine Verleugnung Christi bedeutete.
Dies ist unsere Lehre ĂĽber die Mitteldinge:
Die christliche Freiheit muss bewahrt werden,
damit das Evangelium nicht unter dem Vorwand der Ordnung zerstört wird.
Fortlaufende deutsche Übersetzung – Teil IV
(Kapitel X bis XIII)
Kapitel X – Von der Sünde des falschen öffentlichen Bekenntnisses
Es genĂĽgt nicht, das Evangelium im Herzen zu glauben,
sondern man muss es mit Mund und Tat bekennen,
wie der Herr spricht:
„Wer mich bekennt vor den Menschen, den will auch ich bekennen vor meinem Vater.“
Wer das Evangelium im Herzen glaubt,
aber mit dem Mund verleugnet oder schweigt,
wenn der Glaube angegriffen wird,
der verleugnet Christus.
Heuchelei in Glaubenssachen ist eine schwere SĂĽnde,
denn sie ist eine LĂĽge gegen den Heiligen Geist.
Die Furcht vor Tod, Verbannung oder Verlust entschuldigt nicht die Verleugnung des Glaubens;
Christus will, dass man bekennt, auch unter dem Kreuz.
Es ist nicht erlaubt, im Herzen anders zu denken
und mit dem Mund dem Irrtum zuzustimmen,
denn Gott will die Wahrheit nicht nur im Herzen,
sondern auch im Wort und in der Tat.
Die Klugheit, mit der manche unter dem Vorwand der Vorsicht ihre Haltung verbergen,
ist keine Weisheit, sondern Treulosigkeit.
Daniel und die Apostel hätten verbergen können, was sie glaubten,
doch sie zogen es vor, zu sterben,
anstatt die Wahrheit zu verschweigen.
Ein Glaube ohne Bekenntnis ist tot;
daher ist das Bekenntnis eine notwendige Pflicht der Christen.
Wer an falschen Gottesdiensten teilnimmt,
selbst wenn er im Herzen nicht zustimmt,
nimmt teil an der Sünde des Götzendienstes.
Die Diener, die schweigen, wenn die Wahrheit angegriffen wird,
sind stumme Hunde,
und das Blut des Volkes wird von ihren Händen gefordert werden.
Ein ehrenvoller Tod im Bekenntnis Christi
ist besser als ein langes Leben in seiner Verleugnung.
Dies ist unsere Ăśberzeugung ĂĽber das Bekenntnis,
damit offenbar werde,
dass wir weder aus Furcht noch aus List
das Evangelium Christi verleugnen wollen.
Kapitel XI – Vom Gewissen und der christlichen Freiheit
Das Gewissen ist das Urteil des Menschen ĂĽber sich selbst,
durch das er vor Gott empfindet,
ob seine Taten recht oder verkehrt sind.
Das Gewissen ist nicht frei vom Gesetz Gottes,
aber es ist allein Gott unterworfen – nicht den Menschen.
Christliche Freiheit ist keine Freiheit zur SĂĽnde,
sondern die Befreiung von der Knechtschaft des Gesetzes
und von menschlichen Satzungen.
In Dingen, die den Glauben und den Gottesdienst betreffen,
darf niemand gezwungen werden,
denn der Glaube ist eine Gabe des Heiligen Geistes
und entspringt nicht menschlicher Gewalt.
Diejenigen, die Glauben oder Gottesdienst durch menschlichen Zwang oder Gesetze erzwingen,
kämpfen gegen Gott und gegen das Reich Christi.
Die Christen sind frei von allen Ăśberlieferungen,
die nicht auf dem Wort Gottes beruhen;
in solchen Dingen liegt weder Verdienst noch Schuld,
es sei denn, man handelt gegen das Gewissen.
Es ist eine schwere SĂĽnde,
die Gewissen zu binden,
wo Gott sie befreit hat.
Das Gewissen wird rechtens nur durch das Wort Gottes gebunden,
nicht durch menschliche Satzungen.
In äußeren Dingen,
die von Gott weder geboten noch verboten sind,
muss die Freiheit gewahrt bleiben,
damit die Gewissen nicht beschwert werden.
Die christliche Freiheit erstreckt sich nicht auf SĂĽnde oder fleischliche WillkĂĽr,
sondern auf den freien Dienst der Gerechtigkeit.
Die Freiheit des Gewissens ist das kostbarste Geschenk Christi,
das er durch das Lösegeld seines Blutes erkauft hat;
darum muss sie mit höchster Sorgfalt bewahrt werden.
Dies ist die wahre christliche Freiheit,
die besteht im Gehorsam gegenĂĽber dem Wort Gottes und im Glauben,
nicht in der Verachtung von Ordnung oder Obrigkeiten.
Kapitel XII – Vom niederen Magistrat
Alle Gewalten sind von Gott,
darum sind auch die niederen Obrigkeiten nicht weniger als die höheren Diener Gottes,
zum Guten geordnet,
damit sie die Bösen bestrafen und die Guten schützen.
Wenn aber die höheren Gewalten ihre Gewalt missbrauchen und gegen Gott kämpfen,
darf der niedere Magistrat nicht schweigen oder wegsehen,
sondern es gehört zu seinem Amt,
dass er widersteht und das Volk schĂĽtzt.
Denn da er ein Diener Gottes ist,
eingesetzt, um die Bösen zu bestrafen und die Guten zu schützen,
kann er nicht ohne Schuld seinen Dienst verlassen,
wenn er weiĂź, dass durch die Verbrechen der Herrschenden
und durch die Straffreiheit der Gottlosen
die Bösen überhandnehmen und die Guten unterdrückt werden.
Daher,
wenn die höheren Obrigkeiten ihren göttlichen Dienst verlassen
und gegen ihn kämpfen,
sind die niederen verpflichtet,
nicht nur zu widerstehen,
sondern auch das Volk zu schĂĽtzen und zu verteidigen,
so weit ihnen Kraft und Möglichkeit gegeben ist,
damit es nicht in die Verbrechen hineingezogen wird oder zugrunde geht.
Damit aber nicht leichtfertig den höheren Obrigkeiten widerstanden werde,
mĂĽssen die Grade der Ungerechtigkeit und der Tyrannei unterschieden werden.
Erster Grad: wenn die Herrschenden aus menschlicher Schwäche Fehler begehen,
die nicht grausam und unheilbar, sondern heilbar sind — solche sind zu ertragen.
Zweiter Grad: wenn die Obrigkeit das Recht offen bricht, Unschuldige bedrückt und Güter raubt — solche sollen getadelt, aber geduldig ertragen werden,
wenn das Unrecht ohne SĂĽnde getragen werden kann.
Dritter Grad: wenn die Obrigkeit befiehlt, Böses zu tun oder Gutes zu unterlassen — hier darf nicht gehorcht werden;
der niedere Magistrat muss widerstehen,
damit er nicht Mitschuld trägt.
Vierter Grad: wenn Tyrannen selbst Krieg gegen Gott führen, das Evangelium zerstören und die Kirche verfolgen —
solche sind keine Obrigkeit mehr, sondern Feinde Gottes, Werwölfe und Werkzeuge des Teufels;
denen muss widerstanden werden,
damit die Wahrheit und die Kirche bewahrt werden.
Wenn die höheren Obrigkeiten die niederen zwingen, Böses zu tun,
dann darf nicht gehorcht werden,
sondern alles Leid ist zu ertragen,
statt in die SĂĽnde zu fallen.
Wer schweigt, während Unrecht geschieht, wird Teilhaber der Schuld.
Der Diener Gottes darf sein Schwert nicht gegen Fromme und Unschuldige fĂĽhren;
tut er es, so ist er ein Diener des Teufels.
Darum soll der niedere Magistrat offen bekennen:
„Ich kann dies nicht tun,
denn ich bin Gott und meinem Amt verpflichtet;
lieber will ich alles ertragen,
als Gott beleidigen und das Volk in Sünde ziehen.“
Widerstand aber soll nicht aus Zorn oder Aufruhr geschehen,
sondern in Ordnung, MaĂź und Gebet.
Widerstanden wird nicht um Herrschaft willen,
sondern um des Heils des Volkes
und der Bewahrung des göttlichen Dienstes.
Ihr aber, FĂĽrsten und Obrigkeiten, seid eingedenk,
dass euch die Gewalt von Gott gegeben ist,
nicht zu eurem Nutzen,
sondern zum Schutz der Wahrheit und der Kirche.
Wenn ihr schweigt,
während die Wahrheit unterdrückt
und fromme Diener verbannt werden,
so seid ihr Teilhaber an den Verbrechen der Gottlosen.
Wie Hesekiel sagt:
„Wenn der Wächter das Horn nicht bläst, und das Schwert kommt,
werde ich ihr Blut von seiner Hand fordern.“
Darum fĂĽrchtet nicht die Gewalten dieser Welt;
ihr habt einen größeren König, vor dem ihr Rechenschaft gebt.
Wenn ihr um der Wahrheit und des Evangeliums willen leidet, seid ihr selig;
Christus selbst leidet mit euch und wird euch verherrlichen am Tag seiner Wiederkunft.
Wir schreiben dies nicht aus Aufruhr oder Ehrgeiz,
sondern aus Gewissenspflicht und aus der Furcht Gottes,
der uns sein Amt auferlegt hat.
Wir ehren die Obrigkeit, solange sie Gott dient;
doch wenn sie gegen Gott kämpft, können wir nicht zustimmen.
Wir sind bereit, alles zu ertragen, selbst den Tod,
lieber als den Glauben und die Wahrheit Christi zu verleugnen.
Und wir vertrauen darauf,
dass der Herr Jesus Christus, der König der Könige,
seine Kirche bewahren und verherrlichen wird am Tag seiner Wiederkunft.
Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.
Kapitel XIII – Schluss und letzte Ermahnung
Wir schließen dieses Bekenntnis nicht, um den Streit zu vergrößern,
sondern um unsere Gewissen zu entlasten
und die Wahrheit des Evangeliums zu bezeugen.
Wir schreiben dies nicht in aufrĂĽhrerischer Gesinnung,
sondern fromm und treu,
damit alle erkennen, dass wir nicht aus Aufruhr,
sondern aus Gehorsam gegen Gott handeln.
Wir bitten alle Christen,
dass sie mit uns beten für die bedrängte Kirche,
damit Gott seine Wahrheit verteidige
und das Reich des Antichrists zerstöre.
So steht nun fest in der Freiheit,
mit der euch Christus befreit hat,
und lasst euch nicht wieder in das Joch der Knechtschaft einspannen.
Wenn wir um dieser Wahrheit willen leiden,
wissen wir, dass wir selig sind;
denn selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.
Der Herr Jesus Christus, der im Himmel herrscht,
wird den Satan unter die Füße der Gläubigen treten
und seine Kirche verherrlichen.
Der Herr wird nicht versagen,
noch zulassen, dass seine Wahrheit untergeht,
die er durch das Blut seines Sohnes erkauft hat.
Euch aber, FĂĽrsten und Obrigkeiten, mahnt der Geist des Herrn,
dass ihr das Wort Gottes höret
und die Kirche beschĂĽtzet,
damit das Blut der Gerechten nicht von euren Händen gefordert werde.
Ihr aber, BrĂĽder, seid stark im Herrn,
wissend, dass eure Arbeit im Herrn nicht vergeblich ist.
Herr Jesus Christus,
bewahre deine Kirche,
stärke die Schwachen,
bekehr die Irrenden
und komm bald zu deinem Gericht.
Dir sei Ehre in Ewigkeit. Amen.
Quellenvermerk
Die nachfolgende deutsche Übersetzung des Magdeburger Bekenntnisses beruht auf dem lateinischen Text von 1550.
Sie wurde für die vorliegende Veröffentlichung in leicht modernisierter Orthographie wiedergegeben, um heutigen Lesern den Zugang zu erleichtern. Inhalt, Aufbau und theologische Aussage sind unverändert.
Das Magdeburger Bekenntnis entstand im Jahr 1550 als öffentliche Erklärung der lutherischen Pfarrer und Prediger der Stadt Magdeburg, die das kaiserliche Augsburger Interim verweigerten. Es ist das erste protestantische Dokument, das eine biblisch begründete Lehre vom rechtmäßigen Widerstand gegen gottlose Obrigkeit formuliert. Seine Gedanken prägten später Autoren wie Junius Brutus, Johannes Althusius, Samuel Rutherford und John Locke.
Diese Ausgabe ist gemeinfrei. Der Text selbst steht im öffentlichen Besitz; die modernisierte Sprachfassung folgt der kritischen Edition von Irene Dingel / Hans-Otto Schneider, Der Adiaphoristische Streit (1548–1560), Gütersloh 2007, der lateinischen Parallelfassung Confessio et Apologia Pastorum et Ministrorum Ecclesiae Magdeburgensis (1550).
Die Veröffentlichung auf libertaerechristen.de verfolgt kein kommerzielles, sondern ein aufklärerisches und bildendes Ziel: die reformatorische Freiheitslehre in ihrer ursprünglichen Klarheit zugänglich zu machen.
Zitate, Weiterverwendung und Abdruck dieses Textes sind ausdrĂĽcklich erlaubt, sofern Quelle und Jahrgang genannt werden:
Quelle: Magdeburger Bekenntnis (1550) – deutsche Originalfassung, modernisierte Orthographie und redaktionelle Bearbeitung: A. Schnebel (2025), veröffentlicht auf libertaerechristen.de.