Gewalt, Pazifismus und Selbstverteidigung – Christliche und libertäre Perspektiven

Alle Menschen kennen Gewalt, manche aus unmittelbarer Erfahrung, andere aus der Beobachtung. Und mit dieser Erfahrung kommt die Frage: Darf ich mich verteidigen – oder muss ich es als Christ erdulden? Seit Jahrhunderten entzündet sich an dieser Frage Streit, besonders zwischen Pazifisten und jenen, die Waffenbesitz und Selbstverteidigung bejahen.

Schnell wird dann auf Jesu Worte verwiesen: „Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen, sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so biete ihm auch die andere dar“ (Mt 5,39). Aber was meinte Christus damit? Ging es um Selbstverteidigung? Nein – es ging um das Verbot der Rache, um das Zurückweisen der Versuchung, Unrecht mit neuem Unrecht zu vergelten (Röm 12,19). Christus selbst bot nicht „die andere Wange“ dar, als er geohrfeigt wurde, sondern stellte die Frage nach der Rechtmäßigkeit des Schlages (Joh 18,23).

Hier zeigt sich: Das Evangelium verbietet nicht Verteidigung, sondern Vergeltung. Es ruft zur Deeskalation, nicht zur Selbstaufgabe. Der Christ soll nicht zum Rächer werden, sondern das Gericht Gott überlassen. Aber er darf sehr wohl seine Familie schützen.

Die libertäre Philosophie formuliert denselben Grundgedanken in anderen Worten: Gewalt darf niemals initiiert werden – das sogenannte Nicht-Aggressionsprinzip (NAP). Gewalt ist nur erlaubt, um sich gegen Angriffe auf Leben, Freiheit oder Eigentum zu schützen. Es ist kein Zufall, dass Libertäre vom „Selbsteigentum“ sprechen: Wer sich selbst gehört, hat auch das Recht, sich zu verteidigen.

Jesus selbst sprach nie ein Verbot gegen Waffenbesitz aus. Als Petrus das Schwert zog, verwies ihn Christus in die Schranken – nicht weil das Schwert böse sei, sondern weil es in diesem Moment Gottes Plan durchkreuzen würde (Joh 18,11). Dass die Jünger Waffen trugen, war selbstverständlich (Lk 22,36-38). Jesus kritisierte den Besitz nicht, er regelte den Gebrauch.

Noch deutlicher: Christus selbst schilderte den Hausherrn, der sein Haus gegen den Dieb schützt, als positives Beispiel (Mt 24,43). Man könnte sagen: Wachsamkeit, Vorsorge und Schutz sind für ihn Teil des normalen Lebens. Auch Paulus greift dieses Prinzip auf, wenn er schreibt: „Wenn aber jemand für die Seinen, besonders für seine Hausgenossen, nicht sorgt, so hat er den Glauben verleugnet“ (1Tim 5,8). Schutz gehört zur Fürsorge.

Hier treffen sich die Linien von Bibel und Libertarismus: Der Schutz des eigenen Lebens, des Eigentums und der Familie ist nicht nur legitim, er ist eine Pflicht. Wer die Hände in den Schoß legt und die Familie Gewalt preisgibt, verleugnet nicht nur die Vernunft, sondern auch die Liebe.

Doch beide – Christentum wie Libertarismus – ziehen eine klare Grenze: Angriffskriege, „gerechte Kriege“ und Massenvernichtungswaffen widersprechen dem Geist des Evangeliums ebenso wie dem NAP. Verteidigung ja, Aggression nein. Kriegspazifismus ist die logische Konsequenz: Kein Christ, kein Libertärer kann einen Angriff rechtfertigen.

Und noch ein Gedanke: Oft wird Römer 13 so gelesen, als gehöre Sicherheit ausschließlich in die Hand des Staates. Aber die Schrift legt das nicht nahe. Paulus spricht dort von der Obrigkeit als Dienerin Gottes, nicht als Monopolistin der Gewalt. Sicherheit beginnt im Eigenen – im Haushalt, in der Gemeinde, in freiwilliger Ordnung. Der Staat ist kein Ersatz für persönliche Verantwortung.

Damit zeigt sich ein durchgehendes Muster: Wer Christus folgt, muss nicht Pazifist sein, sondern Friedensstifter. Friedensstifter aber heißt nicht Wehrlosigkeit, sondern Bereitschaft, Gewalt zu verhindern, ohne selbst zum Täter zu werden. Liebe zum Nächsten kann heißen, ihm beizustehen, wenn er angegriffen wird. Liebe zum Feind kann heißen, ihn durch Widerstand an weiterer Schuld zu hindern.

So bleibt der Schluss: Weder Christentum noch Libertarismus verbieten Selbstverteidigung. Beide begrenzen Gewalt auf das absolut Notwendige – und beide entlarven den Staat, der unter dem Deckmantel von Schutz und Sicherheit selbst zur größten Quelle von Gewalt wird.

Autor

  • Schnebel Andreas

    Andreas Schnebel ist pensionierter Soldat, Autor und Publizist. Er schreibt regelmäßig für verschiedene Magazine, darunter eigentümlich frei, Der Sandwirt, wir selbst und Ansage.org. Seine Schwerpunkte liegen in der Verbindung reformatorischer Theologie mit Fragen der Freiheit, Eigentumsordnung und Gesellschaftskritik. Schnebel ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

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